CAPSULE – 20.000 Meilen unter dem Meer

20.000 Meilen unter dem Meer.

So zumindest fühlt es sich an.

Das Piepen der Sauerstoffanzeige links oben im Bild. Rechts der graue Balken des Treibstoffreglers.

Und dazwischen – das kalte, dunkle Meer.20170316125606_1Es füllt den gesamten Bildschirm. Abstrahiert als Radaranzeige der Unterwasserkapsel, in der ich eingeschlossen bin.  Als kleiner Punkt in der nicht enden wollenden Tiefe steuere ich in eine Richtung. Auf einen unbekannten Punkt zu, den meine Geräte geortet haben. Wo ist oben, wo ist unten? Es ist wie unter einer Lawine begraben zu werden. Ich steuere willkürlich in eine Richtung – Die Distanzanzeige springt nach oben – also in die andere Richtung. Aber immer wieder verliere ich die Orientierung. Alles sieht gleich aus auf der verkratzten Radaranzeige.

Wo bin ich jetzt?20170316125825_1Fast spüre ich, wie das Wasser draußen dumpf gegen die Bordwand der Tauchkapsel drückt. Gerne würde ich mich umsehen, mich einfach einen Augenblick lang abwenden vom Piepen und Blinken der Radaranzeige und dem stetig schrumpfenden Sauerstoff- und Treibstoffbalken. Aber ich kann mich nicht umdrehen. Das Spiel versagt mir den Trost von 3D. Ich muss weiter hinstarren, immerzu, auf die eingedellte Radaranzeige.

Natürlich, ich kann das Spiel verlassen.

Aber im Spiel gibt es keinen Ausweg.

Ich bin eingeschlossen in einer winzigen Tauchkapsel, mit schwindenden Luft- und Treibstoffressourcen. 20.000 Meilen unter dem Meer. Manchmal finde ich einen Sauerstofftank, manchmal ein wenig Treibstoff, das bringt mich dann wieder ein- oder zweihundert Meter weiter. Behalte die Distanzanzeige im Auge! Steuere ich in die richtige Richtung? Bin ich schon verloren?20170316125739_1Blau, blau ist alles und keine Hilfe in Sicht.

Ich verliere Sauerstoff – viel zu schnell. Die Anzeige blinkt. Röcheln. Das Keuchen ist so nah. Ich bin es, die Spielfigur. Es hört sich so nah an, als würde sie mir direkt ins Ohr flüstern Ich bekomme keine Luft mehr. Ich bekomme Angst, sehe mich verzweifelt um auf der Radaranzeige. Der Sauerstoffbalken ist gleich auf Null.

20170316125901_1Da!

Ein Wassertank.

Ich, die Spielfigur, wir, atmen einmal laut auf.

Die Klaustrophobie spielt mit. Sie sitzt auf meinem Bildschirm und grinst mich an.

Ich bin ganz und gar unter Wasser. Steuere Schritt für Schritt, Meter um Meter Richtung Hoffnung. Richtung Tageslicht. Richtung Wasseroberfläche. Ich bin Kapitän Nemo auf einem Quadratmeter. Und die Luft wird knapp. Aber ich spiele weiter. Ich will an das Ende kommen, weil das Ende – zumindest denke ich das – nur das Ende des Meeres sein kann.  Irgendwo muss es aufhören. Ich sehne mich nach den Geräuschen oberhalb – der Wind in den Bäumen, das Zwitschern der Vögel und wie sich die Sonne anfühlt. Ich muss das Spiel beenden, um der Enge meiner Tauchkapsel entkommen zu können, um diese Tiefe zu verlassen, die immer still und immer laut ist. Einfach abbrechen wäre nicht dasselbe. Ich muss das Meer verlassen, um das Spiel verlassen zu können. Ich will das Spiel besiegen. Die klaustrophobische Enge meiner Tauchkapsel, das würgende Atmen meiner Spielfigur, das Piepen der Radaranzeige lässt das reale Zimmer um mich schrumpfen, bis es ebenso beengend scheint.

Beunruhigende Immersion ganz ohne VR, ganz ohne 3D.

Warum will ich das spielen?

Weil ich sicher bin: Wenn ich am Ende des Meeres angelangt bin, wenn ich das Spiel besiegt habe, kann ich umso mehr atmen.


Capsule, Adam Saltsman & Robin Arnott 2012: € 4,99  auf Steam

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