Das Schwarze Auge: Vom Nordland bis Herokon

Stoppschild: Real World
Stoppschild: Real World

Pen & Paper auf Deutsch

Dungeons & Dragons ist zweifellos der populärste Vertreter der Pen & Paper-Welt. Das gesellige Spiel, das seinen Ruf als Nerd-Domäne bis heute nicht richtig abschütteln konnte, wird rund um den Globus gespielt und ist aus der Kulturgeschichte nicht mehr wegzudenken. Zwar mag D&D der Inbegriff des Pen & Paper sein, aber es ist keineswegs der einzige Vertreter dieser sehr speziellen Form des Gesellschaftsspiels. Schon seit Mitte der 80er Jahre gibt es in Deutschland nämlich ein Gegenstück zu D&D, das auf den Namen Das Schwarze Auge hört und sich zumindest im deutschsprachigen Raum ähnlicher Beliebtheit erfreut.

Das Schwarze Auge wurde von Ulrich Kiesow erdacht, der zuvor bereits die erste Übersetzung von Dungeons & Dragons ins Deutsche verfasst hatte. Mit DSA entwickelte er schließlich ein ganz eigenes Universum, das zwar von anderen Pen & Paper-Spielen inspiriert war, aber sich trotzdem in vielen Punkten von den Genre-Größen abheben konnte. Mit dem Siegeszug der Videospiele nutzten irgendwann auch immer mehr Entwickler die klassischen Pen & Paper-Spiele als Inspiration und zum Teil sogar als offizielle Grundlage für ihre Computer-Rollenspiele.

Die Legende: Nordland-Trilogie

In den USA werkelten Rollenspieler bereits seit Mitte der 70er Jahre an Umsetzungen für den PC, aber hierzulande dauerte es deutlich länger. Erst 1992 veröffentlichte der deutsche Entwickler Attic den ersten Teil seiner Nordland-Trilogie, die auf dem Regelwerk und der Spielwelt von Das Schwarze Auge basierte, für den Amiga und DOS. In der Trilogie konntet ihr mit einer Gruppe aus bis zu sechs Helden durch die Welt von Aventurien ziehen. In der Ego-Perspektive erkundete man damals Dungeons und Städte, bevor man schließlich in eine Iso-Sicht wechselte, wo es dann in rundenbasierten Kämpfen zur Sache ging.

Zwar erinnerten viele Aspekte der Trilogie an Klassiker wie Might & Magic oder auch Eye of the Beholder, doch deren Popularität erreichte die Serie leider nie. Bis Dezember 1996 erschienen noch zwei weitere Teile und auch im Ausland konnte die Serie unter dem Namen Realms of Arkania kleinere Erfolge feiern, ehe DSA wieder aus dem Fokus der PC-Welt verschwand. Guido Henkel, deutsche RPG-Legende und kreativer Kopf hinter der Nordland-Trilogie, versuchte übrigens kürzlich via Kickstarter Geld für ein neues Projekt zu sammeln. Doch die Kampagne für Deathfire, so der Name des geplanten Hardcore-RPGs, erreichte leider nur rund 200.000 der benötigten 390.000 Dollar.

An dieser Stelle sei auch noch erwähnt, dass der österreichische Entwickler Crafty Studio Ende 2013 ein modernes Remake des Klassikers veröffentlichte, das jedoch leider mit vielen Problemen zu kämpfen hatte und erst nach unzähligen Patches wirklich spielbar wurde. Das Studio plant derzeit weitere Remakes, aber nach dem durchwachsenen Start bleibt vorerst abzuwarten, ob es zu weiteren Umsetzungen kommen wird.

Die Rückkehr: Drakensang

Erst gut 12 Jahre nach dem Ende der Nordland-Trilogie kehrte die DSA-Lizenz in Form von Drakensang zurück. Zwar entstand auch dieses Spiel in Deutschland, aber die verantwortlichen Radon Labs haben sich für eine völlig neue Geschichte entschieden, statt die altehrwürdige Nordland-Trilogie fortzuführen. Auch spielerisch verfolgte man damit einen neuen Ansatz und warf die Ego-Sicht über Bord. Stattdessen präsentiert man das Geschehen aus einer frei dreh- und zoombaren Iso-Perspektive. Die Kämpfe setzen im Kern auch weiterhin auf ein DSA-Rundensystem, allerdings läuft dieses in Echtzeit ab und kann bei Bedarf jederzeit pausiert werden, um die nächsten Schritte zu planen.

Von Spielern und Kritikern gab es durchweg positive Reaktionen auf den Titel und die bescheidenen Verkaufszahlen reichten sogar, um einen Nachfolger zu finanzieren. Selbiger erschien schließlich Anfang 2010, doch die Entwicklung stand unter keinem guten Stern, so dass die Radon Labs leider weniger Monate später Insolvenz anmelden mussten. Daraufhin wurde das Studio vom F2P-Riesen Bigpoint aufgekauft, der mit den Rechten Drakensang Online auf den Markt brachte, das jedoch nicht mehr über die DSA-Lizenz verfügte.

Der Neuanfang: Daedalic

Etwa ein halbes Jahr nach dem Niedergang von Radon Labs nahm sich schließlich das Hamburger Studio Daedalic, die durch Adventures wie Deponia bekannt wurden, der DSA-Lizenz an. Sie kündigten an, mit der Lizenz ein klassisches Adventure namens Das Schwarze Auge: Satinavs Ketten zu entwickeln, das schlussendlich Mitte 2012 erschien. Obwohl im Vorfeld viele skeptisch waren, funktionierte die Kombination aus DSA und Adventure ausgesprochen gut. Nicht zuletzt durch die gewohnt hohe Qualität des Studios, das immer wieder mit wundervoll gezeichneten Spielwelten begeistert, kam Satinavs Ketten sogar derart gut an, dass man im August 2013 auch noch einen Nachfolger veröffentlichte, der auf den Namen Memoria hört.

Auf die beiden Adventures ließ Daedalic vor wenigen Tagen auch noch ein drittes Spiel folgen. In DSA: Blackguards verbinden die Hamburger das DSA-Regelwerk mit anspruchsvoller Hex-Strategie und Rollenspiel-Elementen. Trotz vieler Zauber, Fertigkeiten und Ausrüstungsgegenstände zählt hier in erster Linie euer Können in den rundenbasierten Schlachten, die insbesondere Genre-Neulingen einiges abverlangen dürften.

Das Problemkind: Demonicon

Unter dem Namen Das Schwarze Auge: Demonicon war außerdem schon seit 2008 ein weiteres Rollenspiel in Arbeit, das beim deutschen Entwickler Sylver Style Entertainment entstand. Doch auch ihnen brachte die Lizenz offenbar kein Glück, denn 2010 musste ihr Publisher The Games Company ebenfalls Insolvenz anmelden. Man könnte fast glauben, auf der Lizenz würde ein Fluch liegen, wenn die Rechte an Daemonicon und ein Teil der Entwickler nicht am Ende von Kalypso Media übernommen worden wären.

Unter neuer Flagge werkelte man also weiter daran und brachte Das Schwarze Auge: Demonicon schlussendlich doch noch in die Händlerregale. Schon auf den ersten Blick sieht man dem Spiel an, dass hier nicht nur DSA als Inspiration diente. Insbesondere das action-lastige Kampfsystem dürfte so manchen RPG-Fan an CD Projekts The Witcher erinnern, auch wenn es leider nicht ganz dessen Perfektion erreicht. Obwohl das Spiel auch eine tolle Geschichte erzählt und vor allem die Herzen echter DSA-Fans höher schlagen ließ, konnte es jedoch nicht über so manche spielerische Schwäche hinwegtäuschen, so dass auch diesem ambitionierten Rollenspiel der ganz große Erfolg verwehrt blieb.

Neue Welten: Herokon Online

Nach dem Niedergang von The Games Company wechselte jedoch nicht das ganze Team zu Kalypso, sondern ein kleiner Teil führte stattdessen die Silver Style Studios als eigenständigen Entwickler weiter. Nachdem man so lange mit der DSA-Lizenz gearbeitet hatte, beschloss das Team, dass man auch weiterhin in Aventurien bleiben möchte und begann schließlich mit den Arbeiten am Browser-RPG Das Schwarze Auge: Herokon Online. Im Gegensatz zu den oftmals ziemlich lieblos auf den Markt geworfenen Browser-Games anderer Entwickler legte das Berliner Team hierbei großen Wert auf Qualität und ein durchdachtes Gameplay. So hat man sich beispielsweise auch die Unterstützung verschiedener DSA-Autoren und -Künstler gesichert, die dazu beitragen, dass Herokon Online auch als Browser-Game noch den Geist der DSA-Lizenz versprüht.

Neben der stimmigen Optik sind es vor allem die gut geschriebenen Dialoge und die interessante Geschichte, die zum Spielen anregen. Spielerisch liegt es irgendwo zwischen Klassikern wie Diablo und Baldurs Gate, was es sowohl für Einsteiger als auch Rollenspiel-Experten interessant machen dürfte. Besonderes Lob verdient außerdem die Tatsache, dass der Titel zwar Ingame-Käufe anbietet, ansonsten aber kostenlos ist und euch das Shop-System auch nicht aufdrängt. Ein absolutes Novum im Browser-Bereich ist zudem der Editor, mit dem ihr in Zukunft eigene Welten und Abenteuer für Herokon Online erstellen dürft.

Wohin führt die Reise?

Darüber hinaus gibt es natürlich noch eine ganze Reihe weiterer DSA-Spiele. Diese sind jedoch entweder nur simple Umsetzungen für den Handy- und Browser-Markt, wie die Titel von Chromatrix, oder aber leider eingestellt worden, wie zum Beispiel Armalion, aus dem später Ascarons Sacred werden sollte.

Obwohl seit der Nordland-Trilogie kein Entwickler mehr wirklich große Erfolge mit der DSA-Lizenz feiern konnte, wird uns Aventurien auch auf dem Bildschirm wohl noch lange erhalten bleiben. Insbesondere Daedalic hat der Spielwelt neues Leben einhauchen können und womöglich ist es ja nur eine Frage der Zeit bis es auch wieder ein ganz großes DSA-Rollenspiel gibt.

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