Wie in guten Spielen

Computerspiele sind Film und Literatur gegenüber noch immer nicht ebenbürtig. Denn: Die meisten Erzählungen in Computerspielen sind denen anderer Medien unterlegen. Das zumindest meint ZEIT ONLINE Redakteur Björn Wederhake und unterliegt damit einem grundlegenden Denkfehler.

Spiele als Erzählungen

„Wie in schlechten Filmen“ titelt Björn Wederhake auf ZEIT ONLINE. Und wirft gleich die These in den Raum:

Games sind Filmen und Literatur längst ebenbürtig, heißt es. Tatsächlich sind die meisten Erzählungen aber noch immer schlicht bis hochnotpeinlich. Muss das sein?

Auf immerhin sechs Seiten geht der Artikel der Frage nach, warum die Spieleindustrie noch immer auf ihr ganz eigenes Citizen Kane warten muss. Warum sich das Medium erzählerisch noch immer „auf dem Niveau eines Superman-Comics der 1970er befindet als auf dem einer HBO-Serie“. Spiele wie The Last of Us oder Life is Strange werden als tendenziell positive Beispiele herausgestellt, die aber gegen die großen Narrationen aus Film und Literatur trotzdem abstinken.

Der Tenor ist: Spiele sind narrativ infantil.

Und in diesem Sinne anderen erzählerischen Medien wie Film und Literatur unterlegen. Das freilich passt bequem in das Intelektuelle Schema der Superiorität klassischer Erzählmedien, denen dieses „neue“ Medium Computerspiel nie ganz geheuer war und das ohnehin nur einem infantilen Unterhaltungstrieb entspringe.

Leider ist diese Perspektive aus Sicht der Game Studies nicht haltbar. Anders gesagt: Björn Wederhakes Artikel über die vergebliche Suche nach einem Citizen Kane der Computerspiele ist genaugenommen eine Themaverfehlung. Aus einem einfachen Grund.

Sind Spiele Erzählungen?

Dem Artikel liegt die Prämisse zugrunde, dass Spiele grundlegend Erzählungen sind. Schon in der Einleitung wird dieses Verständnis deutlich:  „Games sind Filmen und Literatur längst ebenbürtig, heißt es. Tatsächlich sind die meisten Erzählungen aber noch immer schlicht bis hochnotpeinlich. Muss das sein?“ Hier kommt klar zum Ausdruck: Games und Filme konstituieren sich primär aus der Tatsache, dass sie (komplexe) Erzählungen sind. Games seien diesen Medien nun ebenbürtig in genau diesem Aspekt – auf erzählerisch komplexer Ebene (was ja gleich in Frage gestellt wird).

Aufgeschlüsselt ist die Argumentation so:

Filme und Literatur = Komplexe Erzählungen.
Games =? Filme und Literatur (ebenbürtig).
D.h.
Games =? Komplexe Erzählungen

Und genau hier ist der Haken.

In Frage gestellt wird die Fähigkeit von Spielen, komplexe Erzählungen zu sein.

So weit so gut.

Was aber zuvor geklärt werden müsste: Funktionieren Games denn als Erzählungen so wie Literatur und Filme? Oder allgemeiner: Sind Spiele überhaupt Erzählungen?

Wederhake setzt als gegeben voraus, was er zunächst einmal beweisen müsste.

Und wer jetzt meint, dass sei bloß theoretische Korinthen***** – na, Sie wissen schon – der sei darauf verwiesen, dass das Problem sehr viel tiefer geht. In den Game Studies ist es nämlich längst strittig, dass Spiele Geschichten sind. Der Wederhakes Artikel zugrundeliegende Ansatz ist spätestens seit Jesper Juul veraltet: Spiele sind nämlich nicht bloß ein weiteres narratives Medium.

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